Auffindung und Beschaffung der Uhr

Kirchturmuhr Baujahr 1792Es war eine Feuerwehrübung wie viele andere, jene bei der katholischen Kirche in Ebikon. Die Aufgabe als AC-Schutzmann ließ mich in den Turm hinaufsteigen.
Unvermittelt entdeckte ich dort ein altes Uhrwerk – und weg war die Konzentration auf die Feuerwehrübung: In Gedanken sah ich die Uhr bereits im Restaurant stehen.
Noch wußte ich allerdings nicht, ob die Uhr noch funktionstüchtig war, wie sie aus dem Turm herunterzubekommen und zu transportieren wäre, ebensowenig, ob man die Uhr erwerben könne und ob sie mir wohl überlassen würde.
Nach verschiedenen Gesprächen, Abklärungen und Verhandlungen mit der Kirchgemeinde Ebikon wurde mir das alte Uhrwerk zur Verfügung gestellt.

 

Ursprung der Uhr

Bei der Uhr handelt es sich um die ehemalige Kirchturmuhr Ebikons, welche bis ca. 1952 das pulsierende Herz der Gemeinde war.
In verdankenswerter Weise hat Herr Pfarrer Otto Purtschert die aufwendigen Recherchen über die Uhr und deren Erbauer, welcher übrigens einer seiner Vorfahren ist, betrieben.
Die Uhr wurde in der neuen Kirche, mit deren Bau im Jahre 1790 begonnen wurde, eingebaut. In der genauen Abrechnung über Einnahmen und Ausgaben im Zusammenhang mit dem Kirchenbau ist keine Zahlung für eine Kirchenuhr aufgeführt. Möglicherweise ist der Betrag in der Gesamtzahlung an den Baumeister enthalten. Der einzige Hinweis auf die neue Uhr ist die folgende Zahlung:
Dem Maler für 2 Uhren-Daflen zu malen Thaler 16.-

Aufgrund der folgenden Inschrift, welche sich auf der Rückseite (Pendelseite) der Uhr befindet, muß angenommen werden daß es sich um den Erbauer der Uhr handelt:

 

Vincentz Purtsher U/M = 1792

Dieser Hans Vincentz Purtsher wurde am 29. August 1728 geboren.
Seine beiden Brüder Johann Pius Josef und Johann Jakob waren im 18. Jahrhundert im Kanton Luzern als Baumeister tätig.

Aus seinem Leben und Wirken ist folgendes bekannt:

  • 1764 Gebrauchsanweisung für eine Uhr mit Glockenspiel in St. Urban
  • 1769 Bau der Kirchturmuhr von Ettiswil
  • 1788 Ausbau und Renovation der Uhr am Rathausturm in Luzern. Zusätzlich zu den Renovationsarbeiten baute er ein weiteres Stundenschlagwerk in die Uhr ein, damit sie nach Dem Einbau ins Frontispiz der Hofkirche über einen zusätzlichen Glockenschlag für die Stiftsglocke verfüge.
  • 1792 Ernennung zum Stadtuhrmacher von Luzern durch den Rat.
  • 1797 Willisau, Ostturm; Reparaturwerk
  • 1802 Emporenuhr Kloster St. Anna im Bruch
    Reparaturvermerk: Uhr mit beweglichen Figuren hat er repariert, ein bekannter Mechanikus Wie es hieß.
  • 1802 starb er am 26. Februar in Luzern.

 

 

Zusammensetzung, Bestandteile und Funktionsweise

Bereits die ersten mechanischen Uhren wiesen alle Bestandteile auf, die sich heute noch in mechanischen Uhren befinden.
Angangs verfügten die Uhren lediglich über einen Stundenzeiger. Die erste bekannte mechanische Räderuhr stammt aus dem Jahre 1284 (Kathedrale von Exeter).
Die ältesten Uhren der Schweiz sind diejenigen vom Basler Münster (1365), und an der Zürcher Peterskirche (1368)

Die sich im Restaurant befindende Uhr setzt sich zusammen aus drei Werken, nämlich dem eigentlichen Uhrwerk, dem Stundenwerk und dem Viertelstundenwerk.

Das Uhrwerk setzt sich wie folgt zusammen:

1. Das Treibwerk liefert die erforderliche Bewegungsenergie

2. Das Räderwerk überträgt die Bewegungsenergie auf alle weiteren Bestandteile

3. Das Hemmwerk gibt in regelmäßigen Abständen einen Teil der Bewegungsenergie frei

4. Das schwingende liefert durch möglichst konstante Schwingunsfrequenz das Zeitnormal Element (Pendel)

5. Das Anzeigesystem Die Untersetzung für den Stundenzeiger befindet sich unmittelbar hinter dem Zifferblatt. Bis zur Untersetzung schlägt die Uhr im Minuterntakt.

6. Die Aufziehvorrichtung

Die Funktion der beiden Schlagwerke werden vom Uhrwerk ausgelöst, verfügen aber über eigene Energiequellen.

 

 

Demontage und Abtransport der Uhr

Die Zerlegung eines mechanischen Gerätes oder einer Uhr ist in der Regel kein kompliziertes Unterfangen, wenn anschließend kein Zusammenbau stattfindet. Da hingegen bei der Kirchturmuhr das Inbetriebnehmen das erklärte Ziel war, jedoch weder Konstuktionspläne noch Montageanleitung vorhanden waren, mußten bei der Demontage die einzelnen Teile so bezeichnet werden, daß diese später wieder zusammengebaut werden konnten. Nachdem weder ich noch René Burkhart, welcher mich während der gesamten Demontage unterstützte, gelernte Uhrmacher sind, war dies kein einfaches Unterfangen. Wir lösten die Aufgabe, indem wir die Uhr in einen dreidimensionalen Raster einteilten und diesen mit Buchstaben, römischen und arabischen Ziffern bezeichneten. Aufgrund dieses Rasters wurden in jedem demontierten Einzelteil die entsprechenden Zeichen eingeschlagen. Der Erfolg dieser Methode ist, wenn Sie sich die Uhr ansehen, ersichtlich.

Der anschließende Abtransport ging problemlos vonstatten, da die Uhr nun in verhältnismäßig leichte und kleine Teile zerlegt war.

 

 

Zusammenbau der Uhr

Bevor mit den Zusammenbau der Uhr begonnen werden konnte, mußten sämtliche Teile gründlich gereinigt und entrostet werden. Da die nebst Eisen- auch Messing- und Holzteile aufweist und die Oberflächenstruktur des Metalles erhalten werden sollte, kam Sandstrahlen nicht in Frage. Somit mußte ich das Ganze mit der Stahlbürste und mit Kriechöl als Hilfsmittel reinigen.

Für die Aufstellung und Inbetriebnahme der Turmuhr in Restaurant mußte ich verschiedene Anpassungen und Änderungen vornehmen.

 

 

1. Der Antrieb

Im Kirchturm wurde der Antrieb des Uhrwerks und der beiden Schlagwerke mittels Seilen und Gewichtssteinen, welche einen gleichmäßigen Zug auf die Antriebswellen der Werke übertragen, ausgeführt. Da dies aus Platzgründen nicht mehr möglich ist, ging ich auf die Suche nach einem anderen Antrieb mit der Voraussetzung, keine grundlegenden Elemente abzuändern. Die Lösung fand ich, indem ich anstelle der Gewichtssteine Pneumatikzylinder und ein Umlenkrollensystem für die Seilzüge einbaute. Die entsprechenden Steuerungen wurden mir von Herrn Xaver Bründler, Adligenswil, geliefert. Das Ganze ist unter der Uhr eingebaut. Diese Zylinder ersetzten einerseits die Gewichtssteine und sorgen andererseits für den automatischen Aufzug der drei Werke. Die unterschiedliche Zugkraft zwischen den Glockenwerken und dem Hauptwerk löste ich durch Einbauen eines Doppelzylinders im Uhrwerk.

 

 

2. Das Pendel

Im Originalzustand war die Uhr mit einem Pendel versehen, welches eine Länge von 8,30 m (Mathematisch 8283,35 mm) aufwies. Dies entspricht in etwa der Länge eines Telefonmastens. Das der Einbau eines derartigen Monsters im Restaurant schlichtweg unmöglich ist, liegt auf der Hand. Eine Verkürzung des Pendels ohne Veränderung des Triebs würde die Schwingungsfrequenz erhöhen, was gleichbedeutend ist mit einer Erhöhung der Laufgeschwindigkeit der Uhr. Damit dies nicht geschieht, mußte ein neuer Trieb mit weniger Zähnen angefertigt und eingebaut werden. Die mathematische Länge des Pendels reduziert sich daraufhin auf eine Länge von 1592,6935 mm. Herr Johann Gräber, Uhrmacher, Meggen führte die erforderlichen Berechnungen für mich durch.

 

 

3. Das Zifferblatt und die Zeiger

Das zu der Uhr gehörende Originalzifferblatt und die Zeiger sind nach wie vor am Kirchturm zu bewundern. Das an der Uhr gezeigte Zifferblatt und die Zeiger habe ich von Herrn Hans Meier, Adligenswil, erhalten. Auf diesem Zifferblatt aus Blech waren die sich Heute an der Uhr befindenden Ziffern montiert. Die Montage des ganzen Zifferblattes erschien mir nicht sinnvoll, weil dieses einen beträchtlichen Teil der Uhr verdeckt hätte. Somit habe ich die Ziffern und Zeiger demontiert, neu vergolden lassen und anschließend auf die von der Firma Wirth, Buchrain, hergestellten Ring montiert. Den Zeigewerk-Antrieb erhielt ich von der Firma Turmuhrfabrik in Sursee. Die echten Wellen und Antreibsräder werden nach wie vor für den Antrieb der Zeitanzeige am Kirchturm in Ebikon benützt.


 

4. Die Schlagwerke

Das Viertelstunden- und Stundenschlagwerk sind in der Uhr eingebaut und voll funktionstüchtig.
Beim Viertelstundenschlagwerk handelt es sich um ein Doppelschlagwerk welches jeweils zwei Schläge hintereinander auf zwei abgestimmte Glocken auslöst.
Die Anzahl der Doppelschläge richtet sich nach der jeweiligen Viertelstunde (eins bis vier)
Das Stundenschlagwerk löst den Stundenschlag aus und schlägt jeweils die Anzahl (eins bis zwölf) auf der Stundenglocke.

 

 

5. Die Glocken

Die Originalglocken sind selbstverständlich nach wie vor im Kirchturm eingebaut. Allein schon vom Volumen her wären sie für meine Zwecke ungeeignet gewesen.

Somit begab ich mich auf die Suche nach einer Glockengiesserei, welche in der Lage ist, drei abgestimmte Kirchturmglocken zu gießen.

In der Schweiz ist die Firma H. Ruetschi AG in Aarau die einzige Glockengiesserei, welche noch Kirchturmglocken herstellt.

Nachdem mir die obengenannte Firma die drei Glocken offeriert hatte, hielt ich Umschau nach Glockenpaten für die Glocke.

Folgende Firmen bzw. Personen stellten sich für die Patenschaft zur Verfügung:

Gemüsebau A. Müller, Udligenswil, und Metallbau Küssnacht für die Stundenglocke.

Metzgerei Bell für eine Viertelstundenglocke

Die zweite Viertelstundenglocke widmete ich unseren Stammgästen für 10jährige Treue.

Die Glocken sind folgende Tonarten zugestimmt:

2. Viertelstundenglocke: fis"

2. Viertelstundenglocke: e"

Stundenglocke: cis"

Die Uebertragungsmechanik vom Schlagwerk bis zum Hammer und die Glockenstühle fertigte ich selbst an.

 

 

Schlußwort des Verfassers

In die gesamte Renovation der Uhr habe ich rund tausend Arbeitsstunden investiert. Trotzdem würde sich die Uhr ohne die Mithilfe zahlreicher Personen aus dem näheren und ferneren Bekanntenkreis nicht in dieser Art und Weise präsentieren.

Mit der Inbetriebnahme der Uhr im Januar 1993 und dem Einbau der Glocken im April 1993 hoffe ich einen Beitrag von bleibendem Wert zum Jubiläum "1100 Jahr Ebikon" beigetragen zu haben.

Ein herzliches Dankeschön allen Mithelfern, welche ich mit erlaubt habe, hier namentlich aufzuführen.

Mein Dank geht an folgende Personen und Firmen (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Bründler Xaver, Adligenswil
  • Buholzer Ernst, Ebikon
  • Burkart René, Ebikon
  • Degelo Konrad, Ebikon
  • Ettlin Josef, Alpnach-Dorf
  • Gräber Johann, Meggen
  • Häller Urs, Ebikon
  • Hofstetter Markus AG, Küssnacht
  • Meier Hans, Adligenswil
  • Metallmontagen, Küssnacht
  • Müller Anton, Udligenswil
  • Purtschert Otto, Pfarrer, Ebikon
  • Schmid Alex, Adligenswil
  • Troxler Daniel, Luzern
  • Turmuhrfabrik, Sursee
  • Van Staeyen Leo, Luzern
  • Wirth AG, Buchrain

Möge die Uhr uns allen frohe und glückliche Stunden bescheren.